Wie ich arbeite

Heute möchte ich Ihnen einen Teil meiner Arbeit am Beispiel der Anekdote „Die geplatzte Seifenblase" etwas näherbringen. Dazu habe ich hier nur die Hälfte der Anekdote eingefügt, um den Rahmen nicht zu sprengen. Nachdem ich den Rohentwurf geschrieben habe, bleibt dieser einen oder mehrere Tage in meinem „Geschichten-Speicher" liegen.

Rohentwurf

...  "Dass du aber nicht zur Straße fährst!", ermahnte die Oma erneut. "Nein Oma, versprochen." "Und am Nachmittag putzt du dann das Mofa und stellst es wieder zurück." "Oma, ich muss nur noch ein paar Runden fahren damit ich sicher sein kann, dass der Motor noch gut funktioniert." Er schlang sein Mittagessen herunter und eilte zurück. Die Fahrt ging weiter. Zwischenzeitlich hatte sich im Bereich des Rasens eine breite, tiefe Fahrspur gebildet. Das beunruhigte ihn, denn die würde der Großvater als erstes bemerken und er wusste es war viel Arbeit diese Spuren zu beseitigen. Doch der Reiz der Fahrt war größer und wieder fuhr er Runde für Runde ohne anzuhalten. Dann, - plötzlich ein stotterndes Motors. Danach Stille. Das Mofa rollte aus. Er sprang herunter. "Verdammt! Da ist etwas kaputt gegangen. Vielleicht ist der Motor zu heiß geworden.", waren seine Gedanken. Die Konsequenz wurde ihm bewusst. Schelte vom Großvater. Aber viel mehr fürchtete er die Bestrafung durch seine Mutter, wenn sie davon erfuhr was er getan hatte. Er sperrte die Benzinzufuhr ab und schob das Mofa zurück an seinen alten Platz. Da erschien wieder seine Oma. "Hast du das Mofa kaputt gemacht?" "Nein, der Motor ist wohl doch nicht so gut. Darum benutzt Opa immer das andere Mofa." "Wann willst du das Mofa putzen? " "Das mache ich morgen Oma. "Der zwölfjährige entfernte sich beschämt und lief um das Haus. Die Tiefe Fahrspur wurde ihm nun bewusst. Sie war nicht zu kaschieren. Er malte sich die Bestrafung aus. Allein das war schon sehr schmerzhaft. Die Küchenuhr, die er durch das Fenster beobachtete, stand schon auf 17 Uhr. Gleich würde der Großvater von der Arbeit zurück sein. Er stellte sich hinter einer Hausecke von wo er die Straße und die Hauszufahrt einsehen und selbst nicht entdeckt werden konnte. Da kam, unverwechselbar der Großvater und bog mit seiner Mofa in die Hauszufahrt ein. Schnell machte sich sein Enkel unsichtbar, lief um das Haus herum in den Garten und versteckte sich dort zwischen hohen Johannisbeersträuchern. Es dauerte nicht lange als der Großvater ums Haus herumlief und ihn bei seinem Namen rief. "Lomm es ist Abendbrotzeit!" Natürlich hatte die Oma alles erzählt und die Fahrspuren sprachen für sich allein. Der Großvater lief nur wenige Meter an seinem Enkel vorbei, entdeckte ihn aber nicht. Erst als er seinen Enkel bei dessen Kosenamen rief und Straffreiheit versprach, wagte der Junge sich aus seinem Versteck. Schüchtern und beschämt näherte er sich seinem Opa. Der hob plötzlich seinen Arm. Was er selten und legte sie seinen Enkel liebevoll um die Schulter. Er erklärte ihm die Gefahren und versprach der Mutter nichts zu erzählen.Gemeinsam gingen zu dem Mofa. Der Großvater nahm eine Flasche und füllte den Inhalt in den Tank, öffnete die Benzinzufuhr, trat in die Pedale und plötzlich lief der Motor wieder. Der Junge war erleichtert, er hatte nur den Tank leer gefahren. Opa lachte und beide gingen zur Oma um die Abendmahlzeit einzunehmen. Das Mofa stand Jahre lang an seinem alten Platz. Es wurde verkauft, ohne dass der Junge es jemals wieder berührt hatte. Er hatte seinen Traum gelebt und der war wie eine Seifenblase geplatzt.

2. Schritt

Ich poliere den Rohtext. Das bedeutet im Wesentlichen eine sprachliche und stilistische Überarbeitung, um ihn flüssiger und präziser zu machen, Fehler zu korrigieren, Wortwiederholungen auszuschließen sowie überflüssige Füllwörter und unklare Formulierungen zu beseitigen. Daraus entstand der nachfolgende Text mit 605 Wörtern.

... „Und heute Nachmittag putzt du das Mofa und stellst es wieder zurück.“ „Ich muss nur noch ein paar Runden fahren“, antwortete er eilig. „Ich muss doch sicher sein, dass der Motor noch gut funktioniert!“ Die Ausrede erschien ihm selbst erstaunlich überzeugend. Er schlang sein Mittagessen hinunter und eilte zurück zum Mofa.

Zwischenzeitlich hatten seine zahlreichen Runden allerdings ihre Spuren hinterlassen. Der Rasen begann sich in eine tiefe Fahrspur zu verwandeln. Der Junge bemerkte sie natürlich sofort. Der Opa würde sie ebenfalls sofort bemerken. Er wusste genau, wie viel Arbeit es machen würde, diese Spuren wieder zu beseitigen. Zum ersten Mal meldete sich sein Gewissen. Vielleicht sollte er jetzt wirklich aufhören. Doch der Reiz des Fahrens war größer.

Nur noch eine Runde. Und noch eine. Und noch eine. Bis plötzlich der Motor stotterte. Dann wurde es still. Das Mofa rollte langsam aus. Der Junge sprang erschrocken ab. Sein Herz begann zu rasen. „Verdammt!“, dachte er. „Jetzt ist etwas kaputtgegangen.“ Vielleicht war der Motor zu heiß geworden. Vielleicht hatte er ihn überlastet. Vielleicht war das Mofa nun endgültig zerstört. Vor seinem inneren Auge sah er bereits den Großvater schimpfen. Viel schlimmer war jedoch die Vorstellung, seine Mutter könnte erfahren, was er getan hatte. Mit schwerem Herzen schloss er die Benzinzufuhr und schob das Mofa zurück an seinen Platz. Als die Oma ihn fragte, ob er das Mofa kaputtgemacht habe, antwortete er kleinlaut: „Nein. Der Motor ist wohl doch nicht mehr so gut. Darum benutzt Opa immer das andere Mofa.“ Die Worte schmeckten bitter. Zum ersten Mal an diesem Tag machte ihm nicht die Angst vor einer Strafe zu schaffen, sondern sein schlechtes Gewissen. Als er anschließend um das Haus lief und die tiefen Fahrspuren betrachtete, wurde ihm endgültig bewusst, was er angerichtet hatte. Sie ließen sich weder verstecken noch wegdiskutieren.

Der Nachmittag wollte nicht vergehen. Immer wieder blickte er durch das Küchenfenster auf die Uhr. Kurz vor siebzehn Uhr versteckte er sich schließlich hinter einer Hausecke und wartete. Dann hörte er das vertraute Geräusch des anderen Mofas. Der Großvater bog in die Einfahrt ein. Panik ergriff den Jungen. Blitzschnell lief er in den Garten und versteckte sich zwischen den hohen Johannisbeersträuchern. Es dauerte nicht lange, bis der Großvater seinen Kosenamen rief. „Junni, komm! Es ist Abendbrotzeit!“ Natürlich hatte die Oma längst alles erzählt. Und die Fahrspuren im Rasen hatten ihr Übriges getan. Der Großvater lief nur wenige Meter an seinem Versteck vorbei, ohne ihn zu entdecken. Erst als er ihm Straffreiheit versprach, fasste der Junge sich ein Herz und trat langsam hervor.

Beschämt näherte er sich seinem Großvater. Er erwartete Vorwürfe oder wenigstens eine Standpauke. Doch stattdessen geschah etwas völlig Unerwartetes. Der Großvater hob den Arm – etwas, das er nur selten tat – und legte ihn liebevoll um die Schulter seines Enkels. Ganz ruhig erklärte er ihm die Gefahren seines leichtsinnigen Handelns und versprach, der Mutter nichts zu erzählen. Gemeinsam gingen sie zum Mofa. Der Großvater nahm eine Flasche, füllte den Inhalt in den Tank, öffnete die Benzinzufuhr und trat in die Pedale. Plötzlich lief der Motor wieder. Der Junge war erleichtert. Er hatte nichts zerstört – er hatte lediglich den Tank leergefahren. Der Großvater lachte herzlich, und gemeinsam gingen sie zur Oma, um das Abendbrot einzunehmen.

Das Mofa stand noch viele Jahre an seinem alten Platz. Schließlich wurde es verkauft, ohne dass der Junge es jemals wieder berührt hätte. Er hatte seinen großen Traum gelebt – für einen einzigen Nachmittag. Und vielleicht war es gerade das schlechte Gewissen, das ihn lehrte, dass manche Träume am schönsten bleiben, wenn man sie nur einmal erlebt.

Wie eine Seifenblase, die für einen kurzen Augenblick in der Sonne schimmert und dann lautlos zerplatzt.

 

3. Schritt

Dieser Text schien mir jedoch für eine Anekdote zu lang. Also habe ich ihn um etwa 20 % gekürzt und angepasst. So entstanden für diesen Abschnitt nur noch 500 Wörter. Gleichzeitig wechselte ich die Erzählperspektive, um zu sehen, wie sich die Wirkung der Anekdote dadurch verändert.

… Selbst die Mahnung meiner Oma beim Mittagessen konnte meine Begeisterung kaum bremsen. „Aber nicht zur Straße fahren!“ „Nein, Oma! Versprochen!“ Nach dem Essen zog es mich sofort wieder hinaus. Nur noch ein paar Runden, redete ich mir ein. Ich musste doch sicher sein, dass der Motor auch wirklich noch gut funktionierte. Inzwischen hatten meine Fahrten allerdings tiefe Spuren im Rasen hinterlassen. Natürlich bemerkte ich sie sofort. Der Großvater würde sie erst recht bemerken. Für einen kurzen Augenblick meldete sich mein Gewissen. Vielleicht sollte ich jetzt aufhören. Ich tat es nicht.

Dann geschah es plötzlich. Der Motor begann zu stottern und verstummte. Stille. Erschrocken sprang ich vom Mofa herunter. Sofort war ich überzeugt, etwas zerstört zu haben. Mein erster Gedanke galt nicht dem Mofa, sondern der unvermeidlichen Strafe. Was würde mein Großvater sagen? Und noch schlimmer: Was würde meine Mutter dazu sagen? Zum ersten Mal an diesem Tag empfand ich keine Freude mehr. Nur noch Angst. Ich schob das Mofa zurück an seinen alten Platz und sperrte die Benzinzufuhr ab. Als meine Oma fragte, ob ich das Mofa kaputtgemacht hätte, antwortete ich ausweichend. Noch heute weiß ich, dass dies wohl der unerfreulichste Augenblick meiner kleinen Abenteuerfahrt gewesen ist. Als ich wenig später die tiefen Fahrspuren im Rasen betrachtete, wurde mir endgültig bewusst, dass sich meine Tat weder verstecken noch ungeschehen machen ließ.

Der Nachmittag wollte nicht vergehen. Immer wieder blickte ich auf die Uhr. Bald würde mein Großvater von der Arbeit nach Hause kommen. Schließlich versteckte ich mich im Garten zwischen den Johannisbeersträuchern und wartete voller Angst auf seine Rückkehr. Als ich das vertraute Tuckern seines Mofas hörte, wurde mein schlechtes Gewissen noch größer. Ich hörte seine Schritte und wenig später seine Stimme.„Junni, komm! Es ist Abendbrotzeit!“ Natürlich hatte ihm meine Oma längst alles erzählt. Der Großvater lief nur wenige Meter an meinem Versteck vorbei, ohne mich zu entdecken. Erst als er mir versprach, dass ich keine Strafe zu befürchten hätte, fasste ich mir ein Herz und trat langsam hervor.

Ich erwartete Vorwürfe und eine gehörige Standpauke. Doch stattdessen legte er seinen Arm liebevoll um meine Schulter und erklärte mir ruhig die Gefahren meines Leichtsinns. Dann versprach er mir sogar, meiner Mutter nichts zu erzählen. Gemeinsam gingen wir zu dem Mofa. Mein Großvater nahm eine Flasche, füllte etwas Benzin in den Tank, trat in die Pedale und der Motor lief sofort wieder an. Ich hatte nichts kaputtgemacht. Ich hatte lediglich den Tank leergefahren. Noch nie hatte ich eine solche Erleichterung verspürt. Der Großvater lachte herzlich und gemeinsam gingen wir zum Abendbrot.

Das Mofa stand noch viele Jahre an seinem alten Platz. Ich habe es nie wieder berührt. Ich hatte meinen Traum gelebt. Doch noch wichtiger war die Erkenntnis, die mir dieser Nachmittag geschenkt hatte: Manche Fehler vergisst man nicht deshalb, weil man bestraft wurde, sondern weil einem Liebe und Nachsicht entgegengebracht werden, obwohl man sie nicht verdient zu haben glaubt.

Mein Traum war an diesem Tag wie eine Seifenblase zerplatzt. Geblieben ist eine Erinnerung, die ich bis heute bewahrt habe.

 

4. Schritt

Dieser Perspektivwechsel gefiel mir gar nicht. Also wechselte ich erneut – zurück in die Perspektive eines Erzählers, der den Jungen aus liebevoller Distanz beobachtet. Dadurch wird der Großvater fast unmerklich zur zweiten Hauptfigur der Geschichte. Ich nahm noch einmal sprachliche Anpassungen vor und kürzte einzelne Sätze, um etwas mehr Spannung aufzubauen. So entstand die finale Fassung mit 470 Wörtern im vergleichbaren Abschnitt.

... „Aber nicht zur Straße fahren!“, ermahnte ihn die Großmutter beim Mittagessen. „Nein, Oma! Versprochen! Ich muss nur noch ein paar Runden fahren“, antwortete er eilig. „Ich muss doch sicher sein, dass der Motor noch gut funktioniert!“ Nach dem Essen zog es ihn sofort wieder hinaus. Nur noch ein paar Runden, redete er sich ein.Inzwischen hatten seine Fahrten allerdings tiefe Spuren im Rasen hinterlassen. Er bemerkte sie wohl, schenkte ihnen aber nicht allzu viel Beachtung. Der Reiz des Fahrens war größer. Dann geschah es plötzlich. Der Motor begann zu stottern und verstummte. Das Mofa rollte langsam aus. Erschrocken sprang der Junge ab. Er war überzeugt, etwas zerstört zu haben. Mit einem Mal war alle Freude verschwunden. Er dachte an den Großvater, an die Fahrspuren im Rasen und an seine Mutter, die früher oder später erfahren würde, was geschehen war. Schweigend schob er das Mofa zurück an seinen alten Platz. „Hast du das Mofa kaputtgemacht?“, fragte die Großmutter wenig später. „Nein“, antwortete er ausweichend. „Der Motor ist wohl doch nicht mehr so gut. Darum benutzt Opa immer das andere Mofa.“ Zum ersten Mal an diesem Tag fiel ihm das Lügen schwer. Als er die tiefen Fahrspuren im Rasen betrachtete, wurde ihm bewusst, dass sich manches nicht verbergen ließ.

Der Nachmittag wollte nicht vergehen. Immer wieder blickte der Junge zur Küchenuhr. Bald würde der Großvater von der Arbeit zurückkehren. Schließlich versteckte er sich im Garten zwischen den hohen Johannisbeersträuchern und wartete. Dann hörte er das vertraute Tuckern eines Mofas. Wenig später rief der Großvater seinen Kosenamen. „Junni, komm! Es ist Abendbrotzeit!“ Natürlich hatte die Großmutter längst alles erzählt. Auch die Fahrspuren im Rasen sprachen ihre eigene Sprache. Der Großvater lief nur wenige Meter an seinem Enkel vorbei, ohne ihn zu entdecken. Erst als er ihm versprach, dass er nichts zu befürchten habe, wagte sich der Junge schüchtern aus seinem Versteck.

Er erwartete Vorwürfe und eine gehörige Standpauke. Doch der Großvater legte ihm nur liebevoll den Arm um die Schulter und erklärte ihm ruhig die Gefahren seines Leichtsinns. Dann versprach er ihm, seiner Mutter nichts zu erzählen. Gemeinsam gingen sie zu dem Mofa. Der Großvater füllte etwas Benzin in den Tank, öffnete die Benzinzufuhr und trat kräftig in die Pedale. Sofort begann der Motor wieder gleichmäßig vor sich hinzutuckern. Der Junge hatte nichts kaputtgemacht. Er hatte lediglich den Tank leergefahren. Eine größere Erleichterung hatte er wohl selten empfunden. Der Großvater lachte nur und gemeinsam gingen sie zur Oma in die Küche, wo bereits das Abendbrot auf sie wartete.

Das Mofa stand noch viele Jahre an seinem alten Platz. Als es schließlich verkauft wurde, hatte der Junge es kein einziges Mal mehr berührt. Er hatte seinen Traum für einen Nachmittag gelebt. Der Traum ließ sich mit einer Seifenblase vergleichen, die im Sonnenlicht farbenprächtig schimmerte, lautlos emporstieg und ebenso geräuschlos zerplatzte.

Vielleicht war das genug.

In den Leseproben finden Sie die vollständige finale Version.

Da ich nicht als Autor geboren wurde, muss ich leider mehr arbeiten als professionelle Autoren. Aber ich hoffe, Sie spüren, dass meine Geschichten auch mit dem Herzen geschrieben sind – und dass Ihnen genau deshalb gefällt, was Sie lesen.